Johannespassion BWV 245

Johannespassion (Passio Secundum Johannem,
BWV 245) von
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Aufführungen von geistlichen Oratorien waren um das Jahr 1723 – das Jahr des Amtsantrittes von Johann
Sebastian Bach als Thomaskantor in Leipzig – in manchen deutschen Städten schon lange üblich. Aber
der Rat der Stadt Leipzig war orthodox und glaubensstreng. Man sah es nicht gern, wenn Gottes Wort in
allzu prächtiges Gewand gekleidet wurde. Um das Jahr 1720 aber waren Oratorien, die sich auch an der
Oper orientierten, beim Publikum so beliebt geworden, daß nun auch in Leipzig zur Passionszeit Aufführungen stattfanden.
Uraufführung
Die Uraufführung der Johannespassion war am Nachmittag des 7. April 1724 während der Karfreitagsvesper
in der Nikolaikirche.
Es musizierten Chor, Orchester, Solisten und Orgel gemeinsam. Die Johannes-Passion ist in vielerlei Hinsicht
eines der faszinierendsten Werke Bachs: es ist ungewöhnlich, dass ein Komponist des Barock die
Eigenheiten des einen Evangelisten sowohl textlich als auch musikalisch so deutlich herausarbeitet. Im
18. Jahrhundert war es eher üblich, eine Evangeliensynopse zu verwenden. Bach bearbeitet sein Werk in
den folgenden Jahren so häufig, dass uns heute insgesamt vier unterschiedliche Fassungen überliefert
sind.
Passionsgeschichte
Die Passion setzt ein mit der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane und der dreimaligen Verleugnung
durch Petrus, während Jesus dem Hohenpriester vorgeführt wird. Im Zentrum der Leidensgeschichte steht
das Verhör Jesu durch Pontius Pilatus, der keine Schuld an Jesus finden kann und ihn daher nicht
verurteilen möchte. Aus Furcht vor der aufgebrachten Menge beugt sich Pilatus aber schließlich dem Willen
des Volkes: Jesus wird auf dem Hügel Golgatha gekreuzigt. Geschildert werden im weiteren Verlauf die
Entstehung der Kreuzesinschrift (Jesus Nazarenus, Rex Judäorum), das Würfeln um das Gewand des Erlösers
und dessen letzte Worte am Kreuz: "Weib, siehe, das ist dein Sohn! – Siehe, das ist deine Mutter! – Mich
dürstet! – Es ist vollbracht!". Die Johannes-Passion endet mit der Grablegung Jesu.
Bedeutung der Solisten
Die Solisten symbolisieren in ihrer stimmlichen Verschiedenartigkeit Einzelpersonen innerhalb der
Gemeinde. Am deutlichsten wird diese Verschränkung bei der Gegenüberstellung von Bass und Choralgesang
in der Arie Nr. 32 "Mein teurer Heiland"; inmitten des Gemeindegesangs "Jesu, der du warest tot" sinnt
ein Mensch dankbar über das christliche Opfer nach. Insbesondere die Arien zeugen von Bachs
musikalischer Bibelexegese – sind sie doch nicht nur Ruhepol, eine Art retardierendes Moment im Passionsdrama,
sondern zugleich Reflexion. Das Passionsgeschehen wird in ihnen gedeutet, tonmalerisch verarbeitet, aus
der Gegenwart betrachtet und ins Heute übertragen.
Bedeutung des Chors
Musikalisch stellt Bach in der Johannespassion den Chor in den Mittelpunkt und überträgt ihm zwei große
Rollen:
- Die Turba-Chöre (Darstellung des israelischen Volkes); die höchst dramatische Darstellung der Handlung.
- Die Choräle; damit schafft Bach eine übergeordnete Ebene, der zum Geschehen distanzierten Betrachtung und inhaltlichen Interpretation.
Das Johannes-Evangelium hat wenig Handlung, es lebt von den Jesusworten, von symbolischen Geschehnissen und von Gesprächen zwischen Jesus und unterschiedlichen Partnern. Auf diesem Hintergrund ist
Bachs hochdramatische Komposition ein interessantes Stilmittel, zumal 12 der 14 Turbae-Chöre durch ein
Netz von musikalischen Korrespondenzen eng miteinander verknüpft sind. Musik und Textgestaltung des
Werkes fordern eine dramatische Umsetzung geradezu heraus.
Die Handlung in den Rezitativen und Chören wird in den Arien und Chorälen auf eine allgemeinere Ebene
gehoben, die eine heutige Interpretation ermöglicht. Dadurch sind sowohl der Text als auch die Musik,
vor allem aber die Botschaft, die geistigen und geistlichen Anregungen dieser großartigen Komposition
auch heute noch für uns relevant.
Karin Freist-Wissing