Der Fall Pilatus
Theaterstück von Walter Jens aus
"Zeichen des Kreuzes. Vier Monologe"
am 11.3., 15.3. und 7.4. jeweils 19 Uhr in der Krypta der Kreuzkirche
Eintritt: 10,- Euro (erm. 7 Euro)
Karten an der Abendkasse ab 18 Uhr
Walter Jens schrieb in den 70er Jahren drei kleine Theaterstücke über Judas, Petrus und Pilatus, allesamt Plädoyers für die Rehabilitation der sogenannten drei Bösewichter in der Heilshandlung.
Jens kämmt die herkömmliche Lesart der biblischen Geschichten wider den Strich, hält dem scheinbar Altbekannten den Spiegel der Gegenwart vor und fordert zum kritischen Umgang mit eingefahrenen Denkmustern auf.
In "Der Fall Pilatus" resümiert der Delinquent:
"Es gab, unter dem finsteren Himmel erdacht, einen Heilsplan, in dem mir die Rolle des Mörders zukommt".
Nach den Aufführungen haben die Besucher Gelegenheit zum Gedankenaustausch.
Über: Walter Jens - Schuldverstrickung - und "Der Fall Pilatus"
Seit einigen Jahren ist der Germanist und Altphilologe Walter Jens verstummt.
Einer der prominentesten Vorkämpfer für die aktive Sterbehilfe ist in einer Altersdemenz befangen.
Man muss es wohl als Ironie des Schicksals betrachten, dass Jens seine Berühmtheit vor allem als
Professor für Rhetorik erlangte.
Reich-Ranicki nannte ihn sogar den
"(ethisch-moralischen) Redner der Bundesrepublik".
Zusammen mit Böll, Grass und anderen Großen der deutschen Literatur war
Jens früh Mitglied der
Gruppe 47.
Vielseitig ist sein publizistisches Schaffen:
Neben eindrucksvollen Reden - zuletzt als Präsident der Berliner Akademie der Künste - neuen
Übersetzungen von griechischen Dramen und Evangelienberichten verfasste er auch eigene
neoklassische Schauspiele und spirituelle Monodramen wie z.B. über Judas, Petrus und Pilatus, den
Hauptakteuren im christlichen Heilsgeschehen. Jens' Generalthema: Die Schuldverstrickung des
Einzelnen und seine persönliche Verantwortung.
Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang , das ausgerechnet Jens' eigene Haltung in der NS-Zeit
recht umstritten ist. Seine Frau Inge und sein Sohn Tilman, beide ebenfalls publizistisch tätig,
bemühen sich in jüngster Zeit um sachliche Aufklärung.
In den 70er Jahren schrieb Walter Jens den fiktiven Prozessbericht "Der Fall Judas". Ein heutiger
Pater setzt sich darin für die Schuldbefreiung des "Verräters aller Verräter" ein. Jens' These: Durch
Judas wird der Heilsplan erst in Gang gebracht.
"Ohne Überlieferer gibt es auch keine Überlieferung,
dass wir erlöst sind" und
"zwei Männer hingen damals am Kreuz", sagt selbstbewusst der Mann aus
Ischariot. Einige Jahre später formte Jens aus seiner novellistischen Vorlage das gleichnamige
Monodram, das er auch selbst oft als Lesung darbot.
Jens hat mit "Der Fall Judas", zumindest in der protestantischen Kirche, für Diskussionen gesorgt.
Auch wenn er nicht der erste war, der solche spektakulären Ideen aufbrachte - etwa dreißig Jahre
vorher stellte J. L. Borges in seinen "Drei Fassungen des Judas" die Schuld des Betroffenen in Frage -
aber Walter Jens hat die Erörterung neu angestoßen. Heute pfeifen es die Spatzen von den (Kirchen-)
Dächern, dass der Kreuzestod Jesu und das Heilsgeschehen insgesamt nicht mehr schwarz-weiß
gesehen werden sollten.
In "Der Fall Pilatus", einem Dialog zwischen dem römischen Prokurator und einem Richter, nimmt sich
Jens recht spektakulär eines weiteren, der sogenannten drei Bösewichter in der Heilsgeschichte an.
Ähnlich wie in "Der Fall Judas" bekennt der Präfekt, dass sein Handeln - oder auch Nichthandeln - die
Tragödie sicherlich beförderte. Aber sein Fazit am Ende des Stückes schränkt ein:
"Es gab, unter
dem finsteren Himmel erdacht, einen Heilsplan, in dem mir die Rolle des Mörders zukommt".
"Gelitten unter Pontius Pilatus": in ihrem Glaubensbekenntnis beschwören die Christen seine
Mitschuld, oder zumindest eine gehörige Portion Mitverantwortung. Und in vielen Oster-Predigten
wird ihm neben Judas wohl noch oft die Hauptschuld an Jesus Kreuzestod zugesprochen. Jedoch,
man höre und staune, sogar Papst Benedikt - in schwierigen Glaubensfragen nicht gerade als Pionier
bekannt - räumte unlängst im Fall des umstrittenen Jüngers ein:
"Der Verrat des Judas bleibt auf
jeden Fall ein Geheimnis".
Fragen nach Schuld, Verantwortung, Recht und Wahrheit sind mehr als kompliziert. Pilatus will es
vom Nazarener an jenem Freitag genau wissen:
"Was ist Wahrheit"? Jesus, sonst um kluge
Bemerkungen nicht verlegen, antwortet darauf – wohlweislich!? - nichts. Bei anderer Gelegenheit
äußert er aber zu dieser Thematik den tiefgründigsten Gedanken:
"Wer ohne Schuld ist, der werfe
den ersten Stein".
In Jens' "Der Fall Judas" fordert der moderne Pater nicht nur die vollkommene Rehabilitierung, sondern
sogar die Seligsprechung seines Mandanten. Wäre da nicht für den römischen Statthalter eine
ähnliche himmlische Karriere zu rechtfertigen? Immerhin verkündet der Richter am Ende des
Prozesses gegen den angeklagten Prokurator:
"Noch ist der Fall Pilatus nicht zu den Akten gelegt".
Christoph G. Amrhein
Literatur

Neuerscheinung Februar 2011: Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach. Johannespassion. Eine musikalisch-theologische Einführung, erschienen in den Verlagen Carus und Reclam
Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Die Johannes Passion: Entstehung - Überlieferung - Werkeinführung (Taschenbuch), erschienen im Bärenreiter Verlag
Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium nach Pilatus, erschienen im Fischer Verlag
Martin Geck: Bach, Leben und Werk (Taschenbuch), erschienen im Rowohlt Verlag
Klaus Wengst: Das Johannesevangelium, erschienen im Kohlhammer Verlag
Walter Jens: Zeichen des Kreuzes. Vier Monologe, erschienen im Radius Verlag